Bewerbungen mit KI. Genialer Vorteil oder besser formuliertes Mittelmaß?
Veröffentlicht am von Irina Mesko
Bewerbungen mit KI. Genialer Vorteil oder getarntes Mittelmaß?
Bewerbungen mit KI: Genialer Vorteil – oder besser formuliertes Mittelmaß?
KI ist ein Verstärker: Sie macht starke Persönlichkeiten stärker und schwache unübersehbar.
Die Diskussion rund um KI im Bewerbungsprozess ist aktuell laut – und ehrlich gesagt kann ich sie nicht mehr hören.
Bewerber monieren im Stakkato-Jammerton, dass ihre Bewerbungen von seelenlosen ATS-Systemen (Application Tracking Systems) aussortiert werden, und Personaler krakeelen, mit stumpfsinnigen und generischen Bewerbungen überschüttet zu werden.
Gratulation. Herzlich willkommen im KI-Zeitalter!
KI als Gamechanger oder das Ende der individuellen Bewerbung
Die einen feiern KI als Gamechanger. Die anderen sehen darin den Anfang vom Ende individueller Bewerbungen.
Meines Erachtens greift beides zu kurz, und die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen.
Ich erlebe in meiner Arbeit als Personalleiterin und Bewerbungsexpertin täglich, was tatsächlich passiert.
KI macht Bewerbungen nicht schlechter. Aber sie macht etwas sehr deutlich sichtbar:
Wer wirklich etwas zu sagen hat – und wer eben nicht.
Kurz und brutal ausgedrückt: KI macht Kluge klüger und Dumme dümmer oder frei nach Grady Booch: „A fool with a tool is still a fool.“
Und ich könnte mit derartigen Weisheiten munter weitermachen, wenn es nicht langweilen würde ...
KI funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Garbage in, garbage out.
Oder anders gesagt:
ChatGPT schreibt nur so gut, wie der Mensch davor denkt.
Wenn man das, was man sagen und vermitteln möchte, bereits sauber und klar im Kopf formuliert hat und es selbst einem Kind einfach erklären kann, dann kann es gut werden mit KI. Aber auch nur dann.
Wenn die Gedanken wirr sind, man selbst wenig Reflexion mitbringt und keine Ahnung hat, was man eigentlich möchte, dann wird die KI ganz sicher kein gutes Ergebnis liefern.
Viele glauben, KI-Bewerbungen seien „zu perfekt“, aber das Gegenteil ist der Fall.
Die meisten KI-generierten Texte sind glatt, öde und austauschbar und sagen nichts Konkretes aus. Phrase wird an Phrase und Floskel an Floskel gereiht. Aber auch nur, wenn der Prompt davor einfallslos und mit wenig Mühe kreiert wurde.
„Hiermit bewerbe ich mich …“,„Ich bin teamfähig, zielorientiert und kommunikationsstark.“ (Auweia!)
Wenn der vorangegangene Prompt jedoch bereits nuanciert gewesen wäre, man seine Hausaufgaben gemacht, die Stelle mit dem eigenen Profil abgeglichen und sauber formuliert hätte, dann hätte man bereits ein recht ordentliches Gerüst, dem nur noch Emotion, Erfahrung und Esprit eingehaucht werden müssen.
Ich erstelle Bewerbungen für alle Berufsgruppen. Für Kardiologen, Psychologen, Lektoren, Lehrer und Vorstände. Aber auch für CAD-Fräser, Mechatroniker und Arzthelferinnen. Da ist guter Rat teuer und eine hervorragende Recherche unabdingbar.
Viele KI-Bewerbungen sind nicht besser. Sie sind nur besser formuliertes Mittelmaß.
Und genau DAS sehe ich auf den ersten Blick.
Ich lese ein Anschreiben und glaube genau zu wissen, wen ich vor mir habe. Ja, ich bin eine Art textliche Hellseherin.
Mag sein, dass es früher einfacher war, die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber ich kann immer noch innerhalb von Sekunden erkennen, ob jemand etwas kann oder eben nicht. Ob sich jemand Mühe gegeben hat oder eben nicht. Ob jemand ein Schaumschläger ist oder eben nicht.
Mag sein, dass ich nicht immer Recht habe. Aber meist, liege ich richtig. Mit Empathie, Erfahrung und Menschenverstand. Das wird eine KI nie können.
Und dennoch bin ich klar für den Einsatz von KI im Bewerbungsprozess. Wer sie nicht nutzt, arbeitet heute ineffizient, aber die Qualität hängt vollständig vom Nutzer ab.
Gute Bewerber nutzen KI als Sparringspartner und für Recherche.
Sie unterfüttern das seelenlose, aber durchaus solide Gerüst mit eigenen Gedanken, Emotionen und Beispielen.
KI hilft mir beim "Ugly first draft"
KI hilft mir, meine Gedanken zu schärfen.
KI hilft mir beim „Ugly First Draft“. Und dann liegt es an mir und meinem Know-how, aus diesem ersten Entwurf etwas Gutes zu machen. Wie ein Bildhauer arbeite ich Schicht für Schicht heraus, bis am Ende etwas Substanzielles entsteht.
Schwächere Bewerber nutzen sie als Abkürzung und erwarten, dass die KI für sie denkt.
Und genau das funktioniert nicht.
Der größte Fehler ist, Verantwortung abzugeben.
Eine gute Bewerbung ist keine Textaufgabe. Sie ist eine strategische Aufgabe. Für eine wirklich exzellente Bewerbung brauche ich Stunde.
Über allem steht: Das Unternehmen hat ein Problem – und ich soll es lösen.
Wofür stehe ich? Kann ich das?
Was ist mein Mehrwert?
Warum genau ich? Welche Soft- und Hardskills bringe ich mit, um dieses Problem zu lösen?
Diese Fragen kann keine KI beantworten.
Das ist Persönlichkeitsarbeit. Reflexion. Und genau das machen die wenigsten.
Fehler werden zum neuen Qualitätsmerkmal
Was sich gerade verändert, ist etwas anderes.
Je mehr KI-Texte wir lesen, desto stärker entsteht ein neues Bedürfnis nach Echtheit, nach Ecken, nach Kanten – und ja, auch nach Fehlern.
Ich freue mich mittlerweile über den ein oder anderen Fehler. Oder wenn ich keine dümmlich grinsenden Emojis sehen muss.
Fehler werden plötzlich zu neuen Qualitätsmerkmalen.
Zu glatte Texte wirken oft leer. Meine persönliche Nemesis: LinkedIn-Beiträge. Man liest sie – und spürt nichts. Vieles ist gleich. Nur wenig wirklich ansprechend.
Ich merke es selbst, wenn ein Text zu perfekt klingt, schalte ich innerlich ab, weil ich nichts über den Menschen erfahre. Gleichförmigkeit in Reinkultur.
Und genau deshalb entsteht gerade eine Gegenbewegung. Echte Sprache wird zum Wettbewerbsvorteil.
KI verschlechtert Bewerbungen nicht, sie entlarvt nur fehlende Klarheit.
Und das ist für viele unangenehm.
Wir wagen einen Blick nach vorne
In Zukunft wird nicht mehr bewertet, OB jemand KI nutzt, sondern Wie gut er sie nutzt.
KI wird Standard werden. Man muss sein Mindset ändern und es Richtung KI ausrichten. Ob es einem gefällt oder nicht.